Stories
Feeling B – Grün & Blau
Vergangenheitsbewältigung in ihrer schönsten Form beschert uns dieser Tage „Flake“ Lorenz. „Feeling B spielen.“ Dieser Satz konnte in meiner alten Heimat ganze Heerscharen nicht systemkonform gekleideter Heranwachsender mobilisieren. Punk zu sein war in der DDR gleichzusetzen mit versuchter Vergewaltigung von Margot Honecker. Feeling B waren eine der Speerspitzen des Ost-Punk neben Schleimkeim, den Skeptikern und Dritte Wahl. Und sie waren anders, als alle anderen, auch westdeutschen Punkbands. Deshalb fand auch ich, damals truer als True Metal, Feeling B zum niederknien großartig. Texte jenseits der üblichen „Ich scheiße auf …. (wahlweise einzusetzen: Staat, Bullen, Hackfleisch, Alles)“-Statements. Stattdessen: Spaß als Protestform. Fast schon tragikomisch ist die Tatsache, dass Feeling B die erste und letzte Punkband waren, die jemals eine Platte auf dem „volkseigenen“ Label AMIGA veröffentlichen durfte. Das war 1989. Im gleichen Jahr ist die DDR untergegangen. Was für ein Abgesang!
Jahre sind vergangen. Mit Flake, Paul Landers und Christoph Schneider sind drei ehemalige Bandmitglieder heute mit Rammstein Weltstars. Frontmann Aljoscha Rompe, der mit seiner dem Wahnsinn nahen Antistimme das Aushängeschild von Feeling B war, starb am 23.11.2000 einen tragischen Asthmatod. Und die DDR dient inzwischen hauptsächlich als Kulisse für mehr oder weniger verschrobene Filme, meist so realistisch wie ein japanischer Monsterfilm. Für all diejenigen, die mehr darüber wissen wollen, was wirklich damals hinter der Mauer und der wilden Zeit nach deren Fall so alles ging, hat Flake mit tatkräftiger Unterstützung von Mark Bihler seinen Dachboden entrümpelt und mit Grün & Blau ein optisch wie inhaltlich bemerkenswertes Buch zusammengestellt. Ein 160 Seiten starkes Poesiealbum des Ostpunk mit eingeklebten Fotos und Devotionalien auf Zonenpackpapier. Allein die epochale Information über Flake, „dass er ein ordentlicher Mensch ist. Er ist stets sauber gekleidet. Oft trägt er Jeans die jedoch nicht verschmuzt sind“ aus dessen Stasiakte (für den auffälligen Schreibfehler zeichnet ein gewisser Feldwebel Lehnert verantwortlich) ist den Kaufpreis wert. Man betrachtet alte Bandfotos und kann sich sein Lachen nur deshalb verkneifen, weil man weiß, dass man damals mindestens genau so bescheuert rumgelaufen ist. Flakes Mutter erzählt Anekdoten aus dem Hause Lorenz und Mark Bihler beschreibt eindrucksvoll den Annäherungsprozess eines „Wessi“ – Produzenten an eine ostdeutsche Legende. Ihm ist nicht unmaßgeblich zu verdanken, dass es neben dem Buch die CD Grün & Blau gibt. Letztendlich ist deren Entstehungsgeschichte der Auslöser des Ganzen. Man kennt dieses Gefühl, etwas nicht zu Ende gebracht zu haben. Von Zeit zu Zeit beschleicht es einen, vor allem dann, wenn es um etwas wirklich wichtiges geht. Dieses Gefühl muss Flake lange Zeit mit sich herum getragen haben. Im vergangenen Jahr hat er sich daran gemacht, alte Feeling B – Aufnahmen zu sichten und vor allem zu retten. Das musikalische Vermächtnis der Band befand sich nämlich bis dato auf alten Tonbändern, die nicht gerade für ihr fernes Haltbarkeitsdatum bekannt sind. Hinzu kommt, dass Punk-Produktionen nicht unbedingt zu den Stärken ostdeutscher Toningenieure gehörten und die Songs entsprechend schmalbrüstig klangen. Den dankbaren Job, diese Archivperlen nach all den Jahren endlich mal so klingen zu lassen, wie sie damals gemeint waren, hat eben jener Mark Bihler bekommen, der in der Tat ein musikpathologisches Meisterstück hingelegt hat. So hört man beispielsweise mit „Herzschrittmacher“ die Urmutter aller Rammstein – Songs, bekommt mit „Keine Zeit“ eine amtliche Pogonummer um die Ohren und freut sich bei „Gipfel“ über die herzhaften Bläser der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz Rot. Mit „Veris Dulcis“ aus dem Jahr 1992 dürfen Feeling B zudem von sich behaupten, maßgeblich an der Popularität mittelalterlich angehauchter Hartmukke mitgewirkt zu haben. Fazit: Grün & Blau ist ausdrücklich kein Best Of Album, sondern eine sehr persönliche Retrospektive. Das Buch bietet den idealen Begleiter dazu und daher empfiehlt sich unbedingt der Kauf der limitierten Buch – und CD – Kombination. So macht Geschichtsunterricht Spaß!
von Andreas Puchebuhr | 18.11.2007 | Kommentare (0) | Kommentar schreiben
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