Interviews
Heaven Shall Burn: Der härteste Kegelklub der Welt
Heaven Shall Burn bringen dieser Tage mit Iconoclast (Part 1: The Final Resistance) ihr neues Album auf den Markt. Was für ein Überbolzen das Teil ist, könnt Ihr in der zugehörigen Review lesen und natürlich ist das gute Stück zu Recht unsere CD der Woche. Grund genug, bei der Band zu hinterfragen, wie das passieren konnte und was die lautstarken Thüringer sonst noch so bewegt. Pünktlich zum vereinbarten Termin klingelt das Telefon und ich habe mit dem bestens gelaunten Maik das kreative Gehirn der Kapelle am Ohr.
Hallo Maik. Spät isses und Du hast sicher schon ein paar Interviews hinter Dir. Gibt es eine Frage, die Du heute auf keinen Fall mehr hören möchtest?
Ach wo. Alles bestens. Meine Laune ist noch hervorragend und so schlimm ist es ja auch nicht.
Da Maik unverkennbar den Dialekt meiner alten Heimat spricht, merke ich zur Auflockerung an, dass mir allein vom Klang warm ums Herz wird, wobei er prompt darauf tippt, dass ich aus der Gegend von Nordhausen stamme, weil unser Slang sich doch vom Rest Thüringens unterscheidet und wir immer leicht besoffen lallern würden. Beides stimmt. Doch das nur am Rande.
Zunächst Glückwunsch zu Iconoclast. Album der Woche. Durchweg super Kritiken und die Scheibe hat es auch verdient. Wann war für Euch klar, dass Eure neue CD nicht nur gut, sondern ein wirklicher Kracher geworden ist?
Also um ganz ehrlich zu sein, hält sich meine Überraschung darüber in Grenzen, weil ich einfach viel zu tief drin stecke. Ich habe ja von Anfang an eine feste Vorstellung davon, wie meine Ideen am Ende klingen sollen. Natürlich freue ich mich riesig über das Ergebnis, aber eher so wie ein Vater, der seinem Kind beim Aufwachsen zusieht. Dazu sind wir als Band auch viel zu vertraut. Ich weiß, wie unser Drummer spielt, wie Marcus singt und so weiter. Und darauf stimmen Alex, der ja auch mit produziert, und ich unsere Arbeit ab. Da bist Du dann vom Ergebnis nicht wirklich verblüfft. Auf jeden Fall kann ich aber sagen, dass ich mir Iconoclast auch nach der langen Arbeit immer noch mit Freude anhöre und kaum was zu meckern habe.
Iconoclast ist ja ein Konzeptalbum im weitesten Sinne. Wie kam es zu diesem Thema, das einen recht philosophischen Hintergrund hat? (Anm.: Ikonoklasmus steht für die Zerstörung von Denkmälern und heiligen Bildern der eigenen Religion. Ein Thema, das sich auch bei Hegel und Nietzsche immer wieder findet.)
Die Idee ist auf meinem Mist gewachsen. Da genieße ich wie bei den Texten das vollste Vertrauen der Band. Ich dachte mir, dass wir den Fans auch inhaltlich mal was anderes bieten können und habe unseren Songs mit der Ikonoklasten-Story quasi ein übergeordnetes Konzept, eine Rahmenhandlung verpasst. Wobei der Realitätsbezug immer noch das Wichtigste bei unseren Texten ist und sich so ja auch hervorragend darstellen ließ. Auf keinen Fall bin ich einer von den Typen, die zwanghaft Philosophen bemühen, oder einfach etwas nachplappern wollen. Jeder soll sich seine eigenen Gedanken machen. Wenn ein Philosoph den Anstoß dazu gibt – bitte schön. Das ist in Ordnung. Mehr aber auch nicht.
Auffallend ist, dass Ihr im Bezug auf Euer kreatives Umfeld eine sehr treue, wenn nicht gar konservative Band seid. Wieder Du und Alex, Rape Of Harmonies und Tue Madsen. Was macht diese Konstellation aus Eurer Sicht so unschlagbar?
Es ist einfach eine glückliche Konstellation. Wir arbeiten seit so vielen Jahren zusammen; jeder weiß, wie der andere tickt und es funktioniert einfach. Genau so soll es sein. Wir sind ein super Team. Und so etwas schmeißt man nicht um. Warum soll ich da experimentieren? Wie heißt es so schön: Never change a winning team. Wenn das konservativ ist … ja mag sein. Dann ist es auch gut so.
Euch war es laut Info wichtig, mit dem Schwung der 2007er Festivalgigs im Rücken schnellstmöglich das neue Album anzugehen. Nun hat jede Band ihre eigene Arbeitsweise. Wie muss man sich im Hause Heaven Shall Burn diese Arbeit vorstellen?
Man muss dazu wissen, dass wir vielleicht etwas anders als andere Bands arbeiten. Wir spielen nicht unentwegt und machen nicht alles mit. Also diesen Rhythmus Studio, Album, Tour, Studio, Album, Tour ohne Ende und so weiter wirst Du bei uns nicht finden. Jeder von uns hat noch seinen Job oder die Uni. Wir treffen uns für gewöhnlich zweimal in der Woche zum Proben. Also wie so ein Kegelklub. Und 2007 hatten wir halt diese unglaublich geilen Festivals – wie bei Euch auf dem Vainstream in Münster - euphorische Fans, die uns dermaßen viel Energie und Euphorie mitgegeben haben, dass wir uns direkt im Anschluss daran gemacht haben, diese Power im vorliegenden Album zu verarbeiten.
Wenn Ihr einen Rückblick auf die letzten 10 Jahre, also von In Battle bis heuer zu Iconoclast anstellt, was wären die absoluten Höhen und Tiefen dieser Dekade?
Puh … eine schwere Frage. Höhepunkte auf alle Fälle jede Menge. Festivals. Wacken. Sicher Münster letztes Jahr. Wir haben schon so viel gesehen und immer unseren Spaß gehabt. Pleiten? Nee. Keine Pleiten. Wie gesagt, wir sind eine Band, die sehr gut nein sagen kann. Wir machen nur Sachen, auf die wir wirklich alle Bock haben. Wahrscheinlich hat uns das vor so mancher Pleite, Enttäuschung oder Niederlage bewahrt.
Vielleicht noch einmal ganz zurück zu den Wurzeln. In diesem Fall zu Deinen. Was war für Dich der Auslöser, irgendwann mal zu sagen: Ich mache Musik. Bei mir war es übrigens Neil Diamonds verschwitzte Brusthaar-Frise, als ich als Fünfjähriger von dem ein Konzert in Omas Schwarzweißfernseher gesehen habe.
Neil Diamond? Jawoll … Junge, Junge. Also bei mir war es eher die Feststellung, dass mir die Leute in der Schule zugehört haben, sobald ich eine Gitarre in der Hand hatte. Sonst haben die mir einfach nicht zugehört. Natürlich war ich schon immer ein riesiger Musikfan und bin das immer noch. Du weißt, wir haben ja eine Menge Zeit, weil wir eben nicht ständig auf Tour sind. Und schauen wir uns gern auch Konzerte an. Als Fan eben. Aber so, dass ich ein Rockstar werden wollte, war es nie.
Was mir auf Eurem Vainstream-Gig und auch auf den Alben aufgefallen ist, ist dass Ihr bei allem Schreien und Bolzen immer eine Art positive Aggression verbreitet. Ganz im Gegensatz zu Hatebreed beispielsweise, die ja beim Vainstream Rockfest auch der Hammer waren. Aber eine andere Kiste halt. In meiner Review habe ich geschrieben, dass ihr einem das Grinsen in die Fresse tretet. Seid Ihr positive Menschen?
Unbedingt! Toll, dass Du es so siehst. Das Grinsen in die Fresse treten! Das gefällt mir. Ja, wir sind positive, offene Menschen. Hass – nein. Da ist eher die Hatebreed-Schiene. Auch authentisch und natürlich vor einem ganz anderen Hintergrund. Wir versuchen dagegen, unsere Message immer mit einem Augenzwinkern rüberzubringen. Botschaften mit Spaß sozusagen. Jeder einzelne im Publikum kriegt jeden Tag zigmal von den Eltern, vom Boss, vom Staat, von wem auch immer, gesagt: Das ist richtig. Das ist falsch. Da maßen wir uns nicht an, auf die gleiche Weise unseren Senf dazu zu geben. Die Fans verstehen uns trotzdem.
Viele Bands zieht es aus den unterschiedlichsten Gründen in die so genannten Kulturmetropolen. Ihr wie auch Maroon seid bisher standhafte Provinzthüringer geblieben. War das nie ein Thema für Euch?
Nie. Warum auch? Wir sind dort zu Hause und wenn Du beispielsweise die Kids auf einem Hamburger oder Kölner Konzert nimmst – die kommen ja auch überwiegend aus dem Umland. Es hat für uns nie einen Grund gegeben, wegzugehen. Und gerade Thüringen bietet ja auch alles, besonders in kultureller Hinsicht. Gute Konzerte, Literaturszene und so weiter.
Ihr seid vor allem eine phänomenale Liveband. Welche Highlights stehen für 2008 in dieser Hinsicht an?
Da gibt es einiges, worauf wir uns freuen können. So steht zum Beispiel eine US-Tour an, wir spielen Gigs in BeNeLux, UK, Frankreich und natürlich in Deutschland auf dem Summer Breeze und With Full Force.
Als Band habt Ihr trotz Eures Erfolges nie einen Hehl daraus gemacht, dass Ihr bewusst an einer Zeit „nach der Musik“ arbeitet. Ihr habt alle Eure Jobs, Abschlüsse und so weiter. Zumindest gibt ja der Titel Iconoclast (Part 1 …) berechtigten Anlass zur Hoffnung, dass es zumindest noch Part 2 geben wird. Wann wäre für Euch ein Punkt erreicht, HSB ad acta zu legen?
In dem Moment, an dem wir keinen Spaß mehr haben. Ich brauche keine große Kulisse. Das kann ein winzig kleiner Klub mit ein paar Leuten sein. Aber der Spaß muss da sein. Dann machen wir das sicher noch sehr, sehr lange. Aber wir leben sehr bewusst im Hier und Jetzt. Und da ist die Band der perfekte Ausgleich zu unserem „normalen“ Leben. Und es macht Spaß. Das ist das wichtigste.
Da wir ja am Anfang eines Jahres stehen, noch zwei kurze Fragen zum abgelaufenen Jahr. Was war Dein Album 2007?
Oh je. Lass mich nachdenken. Also am häufigsten gehört habe ich sicher Rammstein – Rosenrot. Ich glaube, das ist noch nicht mal aus 2007 (Stimmt. Noch nicht mal aus 2006. d.Red.). Aber ich habe die Scheibe erst letztes Jahr gekauft. Zählt das?
Das lasse ich mal gelten. Und da Du ja gern auf andere Konzerte gehst: Was war Dein persönliches Konzerthighlight 2007?
Also außer uns?
Korrekt.
Da gab es einige. Aber ich sag jetzt mal Immortal auf dem Wacken.
Wir sind am Ende unseres netten Gesprächs und Du darfst Dir noch öffentlich etwas wünschen.
Oh … danke. Also dann wünsche ich mir mal, dass alle zu unseren Release-Shows oder sonstigen Gigs strömen. Das wäre unser schönstes Geschenk. Und Euch wünsche ich, dass Preußen Münster aufsteigt.
Der gute Maik. Das Vainstream Rockfest muss ihn wirklich nachhaltig beeindruckt haben. Deshalb verschweige ich ihm, dass ich ca. 350 km Luftlinie entfernt von Münster mit einem St. Pauli-Sweatshirt am Schreibtisch sitze.
Vielen, vielen Dank für das Gespräch und Euch alles Gute und den Erfolg, den Ihr verdient habt.
Auch ich danke. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht.
Anm.d.Red.: Mir auch.
von Andreas Puchebuhr | 21.01.2008 | Kommentare (1) | Kommentar schreiben
Kommentare (1)
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