Interviews
Porcupine Tree
Steven Wilson ist ein vielbeschäftigter Mann. Nicht nur wegen seiner beiden bekannteren Bands Porcupine Tree und Blackfield. Auch sonst ist der sympatische Engländer ständig am Tüfteln, Komponieren, Produzieren (z.B. Opeth), Künstler sein und Touren. Als Blackfield neulich ein Konzert in der Bochumer Matrix spielten, nahm sich der Sänger/Gitarrist vor dem Gig aber eine halbe Stunde Zeit, um im Nightliner ein paar Fragen zum neuen Porcupine Tree-Album und mehr zu beantworten.
Der Titel des neuen Albums, “Fear Of A Blank Planet” – ist das eine Referenz an das Album “Fear Of A Black Planet” von Public Enemy?
Auf jeden Fall, na klar! Es ist so eine Art Hommage an den Titel. Der Grund, warum ich es „Fear Of A Blank Planet“ nennen wollte, ist, dass in den Achtzigern, als Public Enemy ihr Album veröffentlichten, Rassenprobleme und Rassismus ein wichtiges Thema waren, das die jungen Leute beschäftigte. Ich bin in den Achtzigern aufgewachsen, und ich erinnere mich an viele Anti-Rassismus-Demonstrationen und -Konzerte und Filme wie Spike Lee’s „Do The Right Thing“. Meiner Meinung nach gibt es für junge Leute im 21. Jahrhundert eine ganze Reihe neuer Problematiken, und in manchen Bereichen sind sie sich dessen nicht einmal bewusst. Deshalb wollte ich dieses Album schreiben – denn wir laufen Gefahr eine sehr ausdruckslose Generation an Kids zu erschaffen. Durch das extreme Ausarten der Informationstechnologie und den Umgang damit – News, Kultur, Pornografie, Musik – jetzt alles durch das Drücken weniger Knöpfe direkt aus dem Internet zu bekommen. Das erzeugt eine Form von Überflutung, ein weißes Rauschen, ohne das Irgendetwas davon wirklich eine Wirkung, einen Effekt hat. Es ist fast so, als wäre da einfach zu viel Information, so dass nichts davon hängenbleibt. Und ich glaube, es liegt in der menschlichen Natur, dass wir Dinge, die wir zu einfach bekommen, nicht wirklich zu würdigen wissen. Ich geb dir ein Beispiel, dass ich mit Musik verbinden kann, und das mir sehr am Herzen liegt – auch wenn es natürlich nur ein Sinnbild für ein viel weiteres Thema ist. Als ich noch ein Heranwachsender war und ich eine neue Band entdeckte, die mir gefiel, oder neugierig auf eine Band war, die ich noch nie gehört hatte, kostete es mich unter Umständen zwei bis drei Monate, bis ich ein Album von der Band aufstöbern konnte. Ich musste die Plattenläden - wenn das eine obskure Band, keine Mainstream-Band, war - wochen- und monatelang durchforsten. Und wenn ich die Platte dann endlich gefunden hatte, musste ich sie mit meinem hartverdienten Geld – bzw. meinem aufgesparten Taschengeld – kaufen. Es war also eine echte Investition in Sachen Zeit, Energie und Geld. Ich nahm die Platte mit nach Hause, und weil ich soviel Mühe und Geld dafür aufbringen musste, hörte ich sie erstmal fünf oder sechs Mal an. Ich versuchte, zu entschlüsseln, was auch immer diese Platte mir geben konnte, ich musste es einfach herausfinden. Einige dieser Alben wurden meine Lieblingsplatten aller Zeiten. Einige der Platten, die ich bei den ersten Durchläufen nicht zu würdigen wusste, hatten allmählich einen Einfluss auf mein Leben. Und ich kann sagen, dass manche dieser Platten noch immer meine Favoriten sind. Auch die Platten, die am Anfang keinen Sinn zu machen schienen. Das Äquivalent für ein Kid von heute ist: Er hört von einer Band, greift nach seinem PC oder seinem MAC, lädt sich den gesamten Back-Katalog innerhalb von fünf Minuten runter, hört sich die ersten 30 Sekunden von ein paar Tracks an. Dann ist er fertig: „Löschen“. Weil es keine Investition in Form von Zeit, Energie und Geld gibt, ist es so leicht, Sachen abzutun, die über mehr Tiefe verfügen und Leuten mehr zu geben haben. Und das ist nur der Mikrokosmos einer viel weitreichenderen Angelegenheit, die alles beinhaltet: Musik, Information, Pornografie… Pornografie ist ein gutes Beispiel: Als ich 12 oder 14 oder so war, konnte ich nur davon träumen, wie eine nackte Frau aussieht. Jetzt kann ein Zehnjähriger ins Internet gehen und sich nicht nur Zugang zu Pornografie beschaffen, sondern sogar den extremsten Formen von perverser, schräger Pornografie. Alles ist momentan so einfach zu kriegen und zu haben, aber es ist wie ein Fingerschnipsen. Nichts hat die Leidenschaft, das Herz, die Seele, die definieren, wer du als junger Mensch bist und wer du sein wirst. Fear Of A Blank Planet.
Es ist also ein Konzeptalbum.
Ja, auf jeden Fall.
Mir fiel auf, dass es im letzten Song eine Zeile gibt, in der du singst: „Let’s sleep together, release the pressure“. Das klingt, als würde die Platte mit einem Lichtblick enden.
Nicht wirklich, nein. Das Album basiert zum Teil auch auf einem Buch von Brett Easton Ellis namens „Lunar Park“, er hat dort einige ähnliche Themen bearbeitet. In dem Buch werden sich die Kids ihres unausgefüllten Daseins bewusst, und sie beginnen zu verschwinden. Und man ist sich nicht sicher, wohin sie verschwinden. Zuerst denkt man, sie werden entführt, oder Aliens holen sie oder da ist ein Serienmörder unterwegs – aber dann findet man heraus, dass sie ihr Verschwinden selbst einfädeln, sie verlassen ihre Eltern. Zehnjährige Kids, die ihren ganzen Lifestyle verlassen. Sie werden sich ihrer Situation bewusst. Im letzten Song geht es um das Entkommen. Aber die letzte Zeile ist eigentlich ein Hilfeschrei: „Ich fühle gar nichts“. Es ist der Schrei, irgendetwas fühlen zu wollen. Sex haben ist die älteste Form des Entfliehens und der Lust die es gibt. Die letzte Zeile kommt also von einem Kid, das vergessen hat, überhaupt etwas zu fühlen: Nichts gibt ihm Nervenkitzel, nichts kann ihn begeistern. Er sagt also „Ich will ficken. Lass uns irgendwas machen, ich will irgendwas fühlen.“
Es gibt ein paar Gastauftritte auf dem Album: Alex Lifeson von Rush hat das Gitarrensolo bei „Anesthetize“, dem längsten Song der Platte, gespielt und Robert Fripp von King Crimson ist auch dabei. Wie kam es dazu?
Robert kenne ich seit vielen Jahren, das erste Mal hab ich in den 90ern mit ihm an einem Album gearbeitet. Er hat auch schon mit Porcupine Tree getourt und das Konzert mit Ambient-Gitarren-Klangwelten eröffnet. Wir verstehen uns super. Ich bin damit aufgewachsen, seine Musik zu hören und er ist noch immer mein Lieblingsgitarrist – wahrscheinlich aller Zeiten. Es war also sehr leicht, ihn auf die Platte zu kriegen. Bei Alex war das anders, denn ihn kannte ich nicht – hatte ihn nie getroffen, nie mit ihm gesprochen. Dann habe ich ein Interview mit ihm in einer englischen Musikzeitschrift gelesen, wo er Porcupine Tree mit Komplimenten überhäufte. Also habe ich ihn über den Journalisten, der das Interview geführt hatte, kontaktet. Und er stimmte zu, auf der Platte zu spielen – zu meiner großen Ehre. Ein weiterer Gitarrist, mit dessen Musik ich aufgewachsen bin. Es ist fast, als würde sich für mich der Kreis schließen, weißt du? Ich nehme jetzt mit Musikern auf, die mich dazu inspiriert haben, selbst Musik zu machen – und jetzt wollen sie mit mir spielen. Das ist ein tolles Gefühl, wie du dir sicher vorstellen kannst.
Ja, das glaube ich gerne. Ich hab mal in einem Statement von dir gelesen, ich weiß nicht ob es stimmt, dass du es nicht magst wenn Porcupine Tree als Prog Rock Band bezeichnet wird? Ist das richtig?
Das Problem damit, Interviews zu geben, ist manchmal, dass Sachen auf einzelne Sätze reduziert werden. Was dieses Statement angeht, hängt da viel mehr dran. Erstens betrachte ich Porcupine Tree nicht als eine gewöhliche Band. Ich denke, was wir machen ist einfach Porcupine Tree. Natürlich haben wir Einflüsse aus Prog Music, speziell dieser 70er-Mucke, in dem was wir tun. Es gibt auch andere Einflüsse, alles von Death Metal bis Ambient. Es gibt einen grossen Anteil Prog bei uns, und vieles steht in der Tradition von dem, was die 70er-Progressive-Rock-Bands machen. Aber hier ist das Problem: Jeder hat seine eigene Meinung und seinen eigenen Standpunkt, was für ihn Prog Rock ist. Wenn jemand mich fragt, ob wir Prog Rock sind und meint damit, ob wir versuchen Musik nachzuahmen, die vor 30 Jahren modern war, würde ich sagen: Nein, sind wir nicht. Aber wenn du mich fragst, ob wir eine Progressive Band sind, in dem Sinne, dass wir konstant versuchen, uns weiterzuentwickeln, zu experientieren und ein musikalischer Hybrid sind, müsste ich sagen: Ja. Der Grund, warum ich diesen Begriff so wiederwillig benutze – abgesehen davon, dass ich Porcupine Tree ungern als eine festgelegte Art von Band sehe – ist, das Genres irgendwie der Tod der Musik sind. Wenn die Leute zu besessen davon werden, zu welchem Genre, in welche Nische etwas gehört, tötet das die Ambition in der Musik. Ich mag Musik, die genreübergreifend ist. Dann gibt es da noch das Problem mit den Zusammenhängen. Wenn mich einer fragt: „Siehst du deine Band neben The Mars Volta, Tool, Opeth, Radiohead, The Flaming Lips und Mastodon?“ würd ich sagen „Yeah!“. Ich denke wir machen etwas Ähnliches – philosophisch nicht wörtlich, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe - wir sind genau so drauf wie diese Bands. Aber wenn einer fragt, ob wir uns in der Tradition von Genesis sehen, oder - es gibt da so viele Neo-Prog-Bands von denen ich nicht wirklich was weiß – würd ich sagen: „Nein.“ Es hängt also von den Vorstellungen der jeweiligen Person ab.
Das verstehe ich. Ich hab gefragt, weil ich wissen wollte, ob du dir Sorgen machst, durch die Arbeit mit Robert und Alex in die falsche Prog-Schublade gesteckt zu werden.
Ich sehe Robert und Alex auch heute noch als wahre progressive Musiker. Mit den Leuten von Genesis zum Beispiel würde ich nicht arbeiten wollen, da sie ihre besten Werke von 20, 25 Jahren kreiert haben – und aufgehört haben, sich weiterzuentwickeln. Das Gleiche gilt für Bands wie Yes und Pink Floyd. Ich denke nicht, das die gute Musik produzieren – und das haben sie seit vielen, vielen, vielen Jahren nicht. Aber Rush zum Beispiel… Robert und Alex gehen für mich immer noch vollkommen klar, sie entwickeln sich als Musiker immer weiter und schauen in die Zukunft. Ich verstehe aber, warum du die Frage gestellt hast. Wir stehen sehr in der Tradition von Progressive Music. In dem Sinne sind wir natürlich Progressive. Ich hasse aber die Idee, mit Bands in einen Topf geworfen zu werden, die versuchen zu kopieren, was vor 30, 40 Jahren gemacht wurde.
Die Produktions-Credits gehen dieses Mal nicht nur an dich allein, sondern alle Bandmitglieder…
Ja, jeder hat mitgewirkt. Alle haben mittlerweile ihr eigenes Studio und haben mitgearbeitet, deshalb wäre es falsch gewesen, nur mich zu listen wie auf den letzten beiden Alben.
Was sind denn eure momentanen Tourpläne mit dem neuen Album?
Wir starten Mitte April im UK, wenn dort das Album veröffentlicht wird. Dann gehen wir im Mai nach Amerika und kommen im Juni nach Europa. Und wir spielen dieses Jahr so viele Festivals wie möglich – wir spielen mindestens ein Festival in Deutschland, wahrscheinlich sogar zwei oder drei. Und hoffentlich auch ein paar Einzelshows. Und dann, nach dem Sommer, machen wir das Ganze nochmal und spielen neue Venues.
Besteht die Möglichkeit, dass ihr nochmal mit Opeth tourt? Das würden sicher viele Leute gerne sehen.
Ja, ich würde es lieben, wieder mit den Jungs zu touren. Vielleicht, denn jetzt sind wir ja sogar auf demselben Label, so dass es jetzt wohl noch wahrscheinlicher ist. Ich weiß nicht, wie viel sie dieses Jahr machen. Ich glaub sie spielen ein paar Festivals, aber ich glaube, sie machen dieses Jahr keine neue Platte. Vielleicht… das hängt wohl alles vom Timing ab. Ich weiß, dass Mikael und ich es lieben würden, wieder gemeinsam zu touren.
Ich hab drei Bandnamen für dich, zu denen du alles rauslassen kannst, was dir durch den Kopf geht. Der erste ist Opeth, weil ich weiß, dass du die schon produziert hast.
(lacht) Opeth. Ich denke einfach, das Mikael ein Genie ist. Er ist ein fantastischer Gitarrist, er schreibt tolle Songs und meiner Meinung nach hat er einen ganz eigenen Sound für die Band kreiert. Es gibt nicht viele Bands, die das von sich sagen können. Es ist heutzutage schwer, etwas Einzigartiges zu erschaffen, glaube ich. Einen Sound zu schaffen, den die Leute sofort erkennen und sagen „Hey, das ist Opeth“, oder wer auch immer, ist schwer. Das haben sie gemacht, das hat er gemacht. Und die Musikalität ihrer Arbeit ist so anspruchsvoll, auf so hohem Niveau – das kann man schon fast nicht mehr Metal nennen. Die Art, wie das konstruiert ist, die Qualität der Performance ist so hochwertig. Es ist ein absolutes Vergnügen, mit solchen Leuten zu arbeiten.
Der nächste ist Rush.
Ich bin damit aufgewachsen, sie zu hören. Eine von drei Bands, die mich wohl am meisten als Teenager beeinflusst haben. Und sie scheinen noch immer hungrig zu sein, etwas Neues machen zu wollen. Sie versuchen immer, sich neu zu erfinden. Ich hab noch nicht so viel von der neuen Platte gehört, aber da scheint es wieder so zu sein. Das ist echt schwer, die Jungs machen seit 30 Jahren Platten, und sie versuchen noch immer ihren Sound mit jeder Platte neu zu erfinden. Ich habe riesigen Respekt davor. Und ich glaube Alex ist einer der unterbewertetsten Gitarristen aller Zeiten. Die Leute reden immer von Neil, und der ist ein fantastischer Drummer, ich weiß, aber Alex… Mir fallen direkt 2, 3 seiner Soli ein, die ich direkt zu den besten 10 Gitarrensoli, die ich je gehört habe, zählen würde. Und Geddy Lee ist ein erstaunlicher Bassist. Also drei Musiker die bis heute lebendige Musik kreieren.
Die letzte Band, über die wir heute auch schon ein wenig gesprochen haben: Genesis.
Ich hab Genesis nie so richtig gemocht, wenn ich ehrlich bin. Viel von dem Progressive Stuff, den ich als Jugendlicher gehört hab, war eher das düstere Zeug wie King Crimson. Alles was symphonischer war und eher malerisch. Ich mag ein paar der Alben, ich weiß sie zu würdigen, aber ich war nie ein großer Fan, um ehrlich zu sein. Tolle Band, vollkommen einzigartiger Sound und alles, ich war dennoch nie Fan. Ich mochte King Crimson, Tangerine Dream und viel Krautrock-Stuff wie Can, Faust – das waren Leute, die mich damals echt weggeblasen haben.
David Bowie oder Iggy Pop?
David Bowie. Wir haben ja vorhin über Bands gesprochen, die sich immer neu erfinden – und er ist jemand, der sich immer neu erfunden hat, der nie damit zufrieden war, stillzustehen. Musikalisch, vom Image her, künstlerisch, lyrisch. Er änderte seine Herangehensweise von Album zu Album. Und ich liebe Künstler die das tun, hab ich schon immer.
Ramones oder Sex Pistols?
Puh, das ist schwierig. (überlegt) Ich muss die Pistols nehmen. Ich liebe die Ramones, besonders das erste Album, aber ich muss die Pistols nehmen. Denn am Ende des Tages ist da etwas quintessentiell englisches an den Pistols – und ich verbinde das mit dem Aufwachsen in England, mit den späten 70s und frühen 80s. Du kannst den Pistols in England nicht entfliehen; sie sind überall, haben alles beeinflusst.
Black Sabbath oder AC/DC?
Sabbath, yeah. Ich liebe AC/DC auch, aber Sabbath haben diese düstere, melancholische Schönheit, die tatsächlich mein ganzes Werk beeinflusst hat.
Heineken oder Carling?
Ich trinke kein Bier, hab ich noch nie.
Mary Jane oder LSD?
Ich nehm auch keine Drogen, hab ich noch nie. Also „Weder noch.“ für die beiden letzten. Sorry. (lacht)
Du musst dich nicht entschuldigen! (lacht)
Mittlerweile steht übrigens fest, dass Porcupine Tree im Sommer sowohl beim Hurricane Festival als auch beim Southside Festival auftreten werden.
von Toby Fuhrmann | 19.04.2007 | Kommentare (0) | Kommentar schreiben
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