Interviews

I Defy

I DefyHannover ist eine schöne Stadt. Und wird von Fremden gern mal unterschätzt. Das ist meine Erfahrung. Vor allen Dingen aber ist Hannover klein. Zumindest gemessen an sonst durchaus vergleichbaren urbanen Ansiedlungen wie Hamburg oder Berlin… Da I Defy genau wie ich das Glück haben Hannoveraner zu sein, liegt ein Treffen zwecks Interview zur neuen Scheibe (die Rezension zu „On The Outside“ gibts hier) nahe. An der Theke des Chéz Héinz hätte zwar mehrfach die Möglichkeit für ein Interview bestanden, zu einem Termin in Ruhe und Auge in Auge ist es dann aber leider nicht gekommen. Bei vollen Terminkalendern nützt selbst die Nähe in einer kleinen Stadt nichts. Also muss stattdessen ein E-Mail-Interview her. Raoul, seines Zeichens Sänger, steht Rede und Antwort. Los gehts.

On The Outside ist euer zweiter Longplayer, deshalb zu Beginn ein paar Fragen zum Aufnahmeprozess und der Herangehensweise bei der neuen Platte. Habt ihr mit dem konkreten Fokus, ein weiteres Album aufzunehmen, die Arbeit wieder aufgenommen oder durchgehend weiter Songs geschrieben? Und hat sich an eurer Art Songs zu schreiben etwas zum Vorgänger verändert?

I Defy

Das neue Album ist in jedem Fall eine Art Startversuch nach längerer Schaffenspause. Wir waren 2005 mit total anderen Sachen beschäftigt und konnten nicht genug Energie in diese Band stecken die erforderlich gewesen wäre, um weiter im Gespräch zu bleiben. Trotz allem waren wir weiterhin aktiv und haben durchweg neue Songs geschrieben, welche wir ab und an mal live präsentiert haben. Ansonsten war es ruhig, was aber in jedem Fall ok war. Frank, Flo und ich haben die Monate, wo man an vier Wochenenden acht Shows spielt nicht mehr so dringend nötig, da wir das mit unseren vorigen Bands zur Genüge hatten. Ist in einer bestimmten Lebensphase geil und auch notwendig gewesen um den Druck loszuwerden, aber jetzt geht es um mehr als nur die Mucke. Bei der letzten Scheibe hatte ich auch verstärktes Interesse, kreativer zu werden beim Songwriting. Normalerweise waren es immer Frank und Eze, die die Ideen angeschleppt haben und ich hab die Texte beigesteuert.

Worum geht es bei Deinen Texten inhaltlich in erster Linie?

Inhaltlich war für mich wichtig, dass ich insgesamt versuchen wollte, die Texte eher optimistisch aufzubauen, da ich zum einen denke, dass Hardcore in den letzten Jahren zunehmend negativer und schwärzer geworden ist und zum anderen aber auch, da ich zu der Zeit des Songwritings eine komische Zeit durchgemacht habe und nicht glücklich war. Ich habe viel aus meiner Vergangenheit aufgearbeitet, steckte in einer komischen Beziehung und war außerdem nicht besonders zufrieden mit mir, fühlte mich unvollkommen. Ein ähnliches Gefühl, wie wenn man 16 ist, verstehst du? Für mich wurde in dieser Zeit klar, wie wichtig Musik für mich war und ist, und daher sollte die Platte thematisch in eine Richtung gehen, ausdrücken, dass Musik Halt geben kann und dich zum Positiven verändern kann in dem sie hilft, die Gedanken auf das Wesentliche zu lenken. Ich hätte das Ganze auch schwärzer aufziehen können. Ich denke aber mittlerweile, dass ich vorsichtig sein muss, wenn ich meine persönliche, dunkle Seite der Welt offenbare und irgendwelche destruktiven und depressiven Gedanken verkünde. Das sind letztendlich immer auch Affirmationen die dich im Endeffekt selbst hindern, wirklich ein besserer Mensch zu werden. Die eher positiven Texte wie „Dear Sound“ waren eine Art Flucht nach vorne, gegen mein inneres Gefühl und mehr aus dem Verstand enstanden, dass ich mir damit selber etwas sagen muss, dass ich weiß das alles ok ist wie es ist. Ich habe neben Songtexten generell mehr angefangen zu schreiben und denke mittlerweile, dass es sehr heilsam sein kann, wenn es darauf abzielt, dass du dir mit dem was du schreibst Barrieren aus dem Weg räumst und dich von einer Last befreist anstatt dich nur wieder in Stimmungen zu bestärken. Daher kam die Motivation, die Texte insgesamt optimistischer zu schreiben. Dieses Mal habe ich auch zur Gitarre gegriffen und Frank hat zwei Texte geschrieben, das war erfrischend. „Reformation Day“ oder „For The Haters“ sind Songs bei denen ich teilweise oder ganz das Songwriting gemacht habe.

I DefyDu hast das Artwork der ersten Scheibe gemacht. Warum gab es da einen Wechsel? Sag kurz ein paar Worte zum, im Gegensatz zum letzten Album, zumindest für mich gewöhnungsbedürftigen Cover.

Das war das einzige was schwer wurde, die Umsetzung der Cover-Idee. Ich habe über das Internet den Zeichner des Covers kennengelernt und seine vorigen Arbeiten waren so überzeugend, dass wir es probieren wollten. Letztendlich hat es nach langem hin und her mailen dann irgendwie hingehauen.

Ihr habt bei Marc Dörge aufgenommen, eher bekannt für „ehrliche“ Aufnahmen und möglichst wenig Nachbearbeitung im Sinne von Korrekturen. Klares Statement oder/und Etatfrage?

Zuerst einmal ist Marc der entspannteste Typ mit dem ich je zusammengearbeitet habe. Und das bedeutet schon was, wenn man bedenkt, dass ich sehr abnerven kann, wenn wir im Studio sind. Ich kann es kaum ertragen meinen Gesang rough zu hören und bin sehr schwer zufriedenzustellen. Mit Marc war das alles sehr entspannt und gemütlich, da er in seinem Haus aufnimmt und man das Familienleben quasi gleich mitbucht. Über den Etat kann ich nix sagen aber es war sehr cool, wie Marc uns entgegen gekommen ist.

Wieviel Zeit hattet ihr für die Platte und seid ihr mit dem Ergebnis zufrieden?

Wir hatten viel Zeit, ich musste zwischenzeitlich noch am Knie operiert werden, aber Marc war die ganze Zeit über sehr flexibel und hat sich auf uns eingestellt. Mit dem Ergebnis sind wir zufrieden, ich hätte es vielleicht gern noch etwas klarer gehabt aber es war ein schwieriger Prozess, diesen Sound überhaupt zu finden. Du kannst nicht einfach irgendeinen Sound imitieren, Equipmentwahl und Instrumente spielen letztendlich eine wichtige Rolle. Den Gesang so hinzubekommen war ebenfalls nicht einfach. Es hätte noch etwas druckvoller sein können aber das wird es beim nächsten Mal.

Ein paar Worte zum Verhältnis bzw. der Gewichtung „Live“ gegenüber „Studio“ – was ist Dir wichtiger, was macht dabei jeweils Spaß?

Was die Gewichtung von Live zu Studio betrifft, macht mir Live mittlerweile wieder mehr Spaß, da ich etwas agiler geworden bin und der Gesang besser wird. Aber Studio ist halt mehr Finesse und man hat mehr Möglichkeiten, was Schönes aus den Songs rauszuholen. Studio macht mir eigentlich immer Spaß da es der Moment ist, wo du dich wirklich verewigst, du schaffst etwas was die Zeit überdauern wird. Liveshows sind mehr Energie und Momentum.

Ihr seid von Reflections (NL) zu Thorp (USA) gewechselt. Erstmal ja alles nicht ganz alltäglich für eine deutsche Band. Wohl allerdings im HC eher schon machbar als in
anderen Genres. Wie sind eure Erfahrungen mit den Labels? Warum stand der Wechsel an?
Wieviel kann ein Label so weit weg von der Band tun und plant ihr Aktivitäten in Übersee was Release/Tour angeht?

I Defy

Das war eine schwierige Entscheidung, da wir mit Reflections im Prinzip das beste Label haben konnten, welches es in Europa im Bereich Hardcore gibt. Ich meine, wenn jemand es genauso macht wie ich es machen würde wenn ich wollte, dann Johan und Suzanne. Es war halt keine unpersönliche Geschäftsbeziehung sondern eine Freundschaft die schon davor vorhanden war. Die beiden haben mir damals ihr erstes Fanzine verkauft, und auf einmal haben sie dieses Label aufgebaut, welches mittlerweile deren Job geworden ist. Für I Defy wurde es schwer, sich neben den hochaktiven jungen Bands auf dem Label zu behaupten, und Reflections hatten Angst, dass wir den Anschluss verlieren und keine Scheiben verkaufen. So kam der Entschluss uns zu droppen, was ich aus deren Sicht und in der Situation verstehen kann. Der Kontakt zu Andy von Thorp kam dann über das Internet relativ schnell zustande, als ich mich nach neuen Labels umschaute. Zur Zeit kann ich Dir nicht wirklich sagen, was uns das Ganze bringen wird, da wir die Scheibe zwar drüben draußen haben, sie aber erst mal etwas bekannter werden muss denke ich. Pläne zu touren sind da, aber das sind vor allem finanzielle Fragen, da wir die Flüge ja selber bezahlen müssten. Aber Bock hätten wir schon!

Was passiert weiterhin in der nächsten Zeit?

In nächster Zeit soll sich erstmal der Kalender füllen mit Shows, was zur Zeit gerade passiert. Das ist erst mal das wichtigste Ziel. Dann schauen wir. Wir sind offen für alles was passiert bzw. versuchen gute Support-Gigs zu kriegen.

Ihr macht ja alle Musik „nebenbei“, zumindest in dem Sinne, dass es nicht die Hauptbeschäftigung sein kann, die den Lebensunterhalt sichert. Trotzdem ist das Wort „Hobby“ in diesem Kontext wohl gänzlich deplaziert: Welchen Stellenwert nimmt Musik/die Band in Deinem Leben ein, wie wichtig ist Dir das weitere Schaffen als Musiker, sowohl bei I Defy als auch generell?

Ich bin froh wenn die Scheibe die Runde macht und sich ein paar Leute Gedanken zu den Texten machen. Das ist mir wichtig. Denn richtig, ein Hobby ist es nicht, dazu hängt zu viel Herzblut an der Sache. Für mich ist diese Musik mein Leben und ich brauche diese Energie wie die Luft zum atmen. Auch wenn ich manchmal merke, wie sehr mich dieser ganze Szene-Scheiß ankotzt, die Musik und die Energie ist einmalig. Jede Dumpfbacke kann sich am Wochenede mal etwas Punkrock zu Beatsteaks oder Green Day fühlen und dann abhotten um am Wochenanfang wieder in die gewohnte Spießer-Rolle wechseln. Aber dieses Gefühl, wenn du mit 100 Kids in irgendeinem Kellerloch einen Refrain singst der dein ganzes Leben ausdrückt, darum geht es für mich. Die Energie, die dort freigesetzt wird ist mit nichts zu vergleichen. Das macht irgendwie den Unterschied zwischen dem Mainstream und dem Underground. Diese Ehrlichkeit findest du noch in Punk oder Hardcore, diese Kompromisslosigkeit. Es geht immer auch um die Aussage und nicht nur um den Sound. Für mich ist Musik etwas Spirituelles weil es halt von innen wirkt und dich berührt. Es halt viel dazu geholfen mir in beschissenen Momenten Halt zu geben oder mich zu bestärken. Deshalb bin ich sehr dankbar und fühle eine gewisse Verpflichtung, das weiterzugeben.. Ich weiß auf jeden Fall, dass ich solange ich kann weiter Musik machen werde. Vielleicht auch mal etwas ruhiger aber niemals um meine Wurzeln zu verleugnen. Ich hätte Lust eine ruhige Soloplatte zu machen im Stil von Young oder Jack Johnson. Ich würde mich nicht limitierten auf Hardcore aber wenn ich nach purer Energie suche, nach roher, ehrlicher Energie die nicht schöngewaschen ist, dann finde ich das im Hardcore.

von Tobi Hartwig | 06.12.2006 | Kommentare (0) | Kommentar schreiben

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