Interviews
Promoe Interview
Promoe polarisiert. Für die „Juice“ ist sein neues Album nur noch Hintergrund-Rap für teeschlürfende Sozialpädagogen, für die Staatsmacht (insbesondere Europas Bahn-Polizisten) ist er ein subversiver Anarchist, und für eine HipHop-Szene, in der sich beschränktes Dogmaten-Tum und größenwahnsinnige Inhaltsleere die Mikros in die Hand geben, genau das schlechte Gewissen, das niemandem mehr so recht in den Kram passt. Für seine zahlreichen Fans auf der ganzen Welt hingegen ist der Looptroop-Frontmann mit den massiven Dreads eine echte Bastion für das, was man auf Jamaica Righteousness nennt. Für positive Werte, politisches Bewusstsein und hochmoderne Rap-Musik mit starkem Reggae/Dancehall- Einschlag. Dass diese eine echte Alternative nicht nur für HipHopHeads und Rasta-Bredren bietet, erkennt man, wenn man sich bei seinen Shows plötzlich von tanzenden „Eagles of Death Metal“-, oder „Death By Stereo“-T-Shirts umringt wieder findet.
Am Dienstag, den 28.11.06, sollte ich die Gelegenheit bekommen, „HipHop´s ZZ-Top“ zum Interview zu treffen. Eigentlich. Da uns leider ein veganes Abendmahl, eine Internet-Live-Schaltung nach Frankreich und ein übernervöser Finnischer Tourbusfahrer dazwischen kamen, einigten wir uns darauf, unser Gespräch in aller Ruhe am nächsten Tag per Telefon zu Ende zu führen. Wenn auch leicht angeschlagen, war Promoe doch bester Laune und gab mir bereitwillig Auskunft über seine neue Platte, ökologisch korrektes Schuhwerk und die letzten Vorkommnisse bei „Burning Heart“-Records.
Hey Promoe! Erstmal Danke, dass Du Dir heute ein wenig Zeit freigeschaufelt hast, nachdem uns gestern ja Einiges dazwischen kam. Seid ihr gut nach München gekommen?
Hey Julian! Ja, das lief alles glatt, aber danke noch mal für Deine Geduld.
Kein Problem! Die Show gestern in Köln hat mich ja mehr als entschädigt! Ich war sehr gespannt, da ich Dich das erste Mal als Solo-Artist live auf der Bühne sehen konnte. Wo siehst Du selbst die größten Unterschiede zwischen Deiner Solo-Show und einer mit Looptroop?“
Hm, da gibt es schon einige. Ich habe ja keinen richtigen Back-Up Mcee dabei, aber meine beiden Sänger und DJ Large unterstützen mich natürlich so gut es geht. Dennoch kann ich mich nicht so frei und viel bewegen und muss mir somit immer etwas Energie aufsparen, gerade zwischen den Songs. Und natürlich bin ich immer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Es fühlt sich schon anders an.
Lass uns über Dein neues Album sprechen, „White Man´s Burden“, ich habe gehört, dass dieser Titel ursprünglich als Name für die letzte Looptroop-LP vorgesehen war…
Das stimmt, aber im Endeffekt waren die anderen doch nicht so überzeugt davon und wir haben uns deshalb für „Fort Europa“ entschieden. Mir persönlich aber waren der Titel und die Thematik sehr nah, sodass ich schon da wusste, dass ich Beides nochmals aufgreifen werde. Es geht einfach um ein Gefühl, das ich schon seit früher Kindheit in mir trage, auch wenn ich es damals natürlich noch nicht benennen konnte. Aufzuwachsen in völliger Verwirrung über seine Identität, nicht zu wissen, an wem man sich orientieren soll.
Als ich die neue Platte zum ersten Mal in Händen hielt, war ich schon sehr überrascht vom Cover-Artwork. Die generelle Grundstimmung Deines Albums scheint düsterer, ernsthafter als bei den Vorgängern. Ein Freund von mir, der die Platte vor mir gehört hatte, scherzte, die LP sei großartig, aber Du wärst jetzt depressiv
(lacht) Nein, depressiv fühle ich mich nicht! Aber so schreibe ich eben meine Songs, es passiert so viel Schlimmes direkt vor unserer Nase, also schreibe ich sehr ernsthafte Lyrics. Wenn man mich nicht persönlich, sondern nur über meine Songs kennt, könnte man natürlich den falschen Eindruck bekommen, da die LP als Ganzes, das Artwork, der Name, doch recht düster scheinen.
Würdest Du sagen, der Promoe von „White Man´s Burden“ ist weniger radikal in seinen politischen Überzeugungen, als der Promoe von „Jak Skot Palme“ (Ich erschoss Palme)?
Hm, so würde ich das vielleicht nicht sagen. Ich bin mir wahrscheinlich nicht mehr so sicher über all die Dinge, hinterfrage mich selbst mehr, als ich das früher getan habe. Vielleicht hängt das aber auch mit Deiner vorherigen Frage zusammen. „Jak skot Palme“ war mehr oder weniger ein großer Joke, wenn auch mit sehr ernstem Hintergrund. Die Themen haben sich gar nicht so sehr verändert, eher die Art und Weise, wie ich sie verarbeite. Heutzutage benutze ich lieber Schwedisch, um humorvolle Songs zu schreiben. Irgendwie macht es mir das einfacher, weshalb ich auch gerade an einem Album auf Schwedisch arbeite.
Deine Technik hat sich erneut stark weiterentwickelt. Du singst mehr, experimentierst mehr mit verschieden Flows und Deiner Stimme. Suchst Du aktiv nach solchen neuen Möglichkeiten, bzw. langweilt Dich „konventioneller“ Rap?
Darüber habe ich eigentlich kaum nachgedacht. Aber als Künstler sollte man, denke ich, immer versuchen die eigenen Grenzen neu zu definieren, indem man mit der Technik herumspielt. Jetzt wo Du es sagst, ich habe mich da sicherlich entwickelt, ja.
Ich meine, dass man gerade bei Songs wie „In The Morning“, indem Du zwei Stimmen übereinander eingerappt hast, erkennen kann, dass Dir der Song als Einheit wichtig ist. Bei vielen Anderen merkt man, dass die Lyrics auch auf anderen Beats liegen könnten…
Das komische mit „In The Morning“ war, dass ich mich nicht entscheiden konnte, ob die tiefe oder die höhere Version mir besser gefiel, also ließ ich beide auf dem Track. Damit bin ich aber gar nicht mehr so glücklich, es klingt sehr dick, nimmt dem Song ein wenig die Emotionen. Er gefällt mir natürlich dennoch, aber manchmal wünschte ich, ich hätte mich mit der höheren Version, die ich auch live performe, zufrieden gegeben.
Ich habe gestern ja schon einen kleinen Einblick in die neue Setlist bekommen. Wie reagieren die Leute bislang auf die neuen Tunes?
Das ist immer ziemlich hart für mich. Manche rufen schon nach vier, fünf Songs nach „These Walls Don´t Lie“, wie Du gestern gesehen hast. Die Leute brauchen immer ein wenig Zeit, um sich mit den neuen Tracks anzufreunden. Wobei dieses Album auch wirklich ein paar langsamere Tracks enthält, was auch etwas untypisch für uns ist. Wir sind ja eher für unsere energetischen, schnellen Live-Shows bekannt
Ich habe erst neulich gehört, dass Du, genau wie ich, ein großer Fan von Bob Dylan bist, sogar einen seiner Songs gecovert hast. Ist da was dran? Welchen Track hast Du ausgewählt?
(lacht) Tja, das kann ich Dir leider nicht verraten! Da musst Du wohl warten, bis er fertig ist. Ich arbeite gerade daran, habe aber noch nicht einmal den Beat dafür.
Aber Du wirst schon singen, oder? Nicht wie Sizzla bei seiner Version von „Subterranean Homesick Blues…
Also, Ich kann Dir sagen, dass es nicht „Subterranean Homesick Blues“ ist. Aber es wird etwas Ähnliches, eben auch ein Song, auf dem Dylan eher rappt als singt.
Also, Du arbeitest an einem Dylan-Cover und auf „Songs of Joy“, Deiner aktuellen Single, zitierst Du Neil Young´s „Rockin´In The Free World“- ist das Musik mit der Du aufgewachsen bist, bzw. hat sie einen besonderen Wert für Dich?
Bei Dylan schon, er hat wirklich unglaublich gute Lieder geschrieben. Es ist allerdings nicht so, dass ich sonderlich viel Neil Young höre. „Rockin´ In The Free World“ ist aber ein cooler Song, mit wirklich guten Lyrics. Kein großer Hit für mich, aber für unheimlich viele Menschen, sodass ich ihn sehr gern zitiert habe.
Die Homepage, auf der dieses Interview veröffentlicht werden wird, richtet sich vor allem an Punk-Rock Fans. Die Rolle, die Dir gerne zugeschoben wird, und die Du auch oft einnimmst, ist ja ebenfalls eher die des HipHop-Rebellen, des Grenzgängers. Das erste Looptroop-Tape hieß ja sogar „Punx not dead“. Würdest Du sagen, dass diese Attitüde, die beiden Kulturen eigentlich mal als Grundlage diente, bei HipHop mittlerweile verloren gegangen ist?
Gewissermaßen, ja. Es gibt immer noch Gruppen und Einzelkünstler, die diese Energie versprühen und vernünftige Inhalte transportieren. Aber die Kultur als Ganzes scheint ihre revolutionäre Kraft verloren zu haben. Das mag ein natürlicher Prozess sein, vergleichbar mit politischen Parteien. Wenn eine Partei ins Parlament will, kommt sie hereingestürmt mit neuen, frischen Inhalten und Ideen. Sobald sie aber zur stärksten Macht avanciert, wird sie nicht mehr viel Revolutionäres an sich haben. Und HipHop ist heute eben die einflussreichste Kultur innerhalb der Massenmedien. Die Zeiten, in denen eine Band wie Public Enemy gleichzeitig die kritischste und erfolgreichste Gruppe sein konnte, sind wohl vorbei. Es gibt solche Bands noch, nur sind die heute eben viel kleiner und weniger erfolgreich.
Als Künstler, der seinen veganen und drogenfreien Lebensstil häufig thematisiert, liegt die Vermutung nahe, dass Du Dich schon mal mit der „Straight-Edge“-Philosophie auseinandergesetzt hast. Hatte diese Kultur Einfluss auf Dich?
Hm…(überlegt lange), vielleicht. „Straight-Edge“ war schon sehr groß in Schweden, aber ich habe darüber nicht wirklich nachgedacht. Die Gründe dafür, dass ich mit dem Trinken aufgehört habe und nicht rauche sind allerdings eher persönlich. Ich habe aufgehört zu saufen, weil ich dumme Sachen angestellt habe, wenn ich betrunken war. Das war vor 4 Jahren. Mit dieser Entscheidung ging auch einher, dass ich sämtliche Drogen von mir fernhalte. Veganer bin ich allerdings schon länger, seit 2001, Vegetarier seit 1993.
In der „Juice“ (größtes deutsches HipHop-Magazin) hast Du vor vielen Jahren mal gesagt, dass Du dich zwar vegan ernähren würdest, aber noch lernen müsstest, auf Lederschuhe zu verzichten. Hat das mittlerweile geklappt?
Tja…heute ist es auf jeden Fall einfacher, es kommen ja immer mehr Schuhe die ohne tierische Produkte hergestellt werden, aber…ich habe ein ziemliches Problem damit, neue Sachen zu kaufen, bevor die alten wirklich aufgebraucht sind (lacht). Jetzt gerade trage ich zum Beispiel Schuhe, die ich seit vier Jahren besitze, die werde ich auch erst wegschmeißen wenn sie wirklich durch sind. Aber es ist generell ein Problem Kleidung zu finden, die in allen Aspekten gut ist. Baumwollschuhe beispielsweise halten bei mir nie lange und wenn du etwas Robusteres suchst, dann benötigst du Schuhe, die mit Öl, sprich Kunststoff hergestellt werden. Es ist also wirklich nicht leicht für mich, vernünftige Klamotten zu finden, die mich in allen Punkten zufrieden stellen.
Auf dem Titeltrack Deines zweiten Albums „Long Distance Runner“ gibt es diese Zeile in der Du Dich als echtes Vorbild für die Jugend bezeichnest. Fühlst Du Dich wohl in dieser Position?
Ja, da habe ich kein Problem mit. Ich denke wir sollten alle versuchen die bestmöglichen Vorbilder zu sein, nicht nur als Künstler für dein Publikum, auch als Lehrer, Vater, oder Du, als Journalist. Unser Handeln hat immer Auswirkungen auf Andere. Andererseits ist es selbstverständlich manchmal sehr verwirrend, denn man selbst kennt sich mit seinen ganzen Fehlern und es fühlt sich komisch an, wenn Leute einen für perfekt halten. Ich bin weit davon entfernt das zu glauben, ich bin ein ganz normaler Mensch mit guten und schlechten Seiten, nur versuche ich die Leute an meinen guten Seiten teilhaben zu lassen, sie vielleicht zu inspirieren.
Auf deinem neuen Album gibt es diesen bitterbösen Track „Musick Bizz Apokalypse“. Im Booklet erklärst Du, dass dieser Track auch ein wenig mit den jüngsten Geschehnissen bei „Burning Heart“, dem Label, mit dem Du ja bis vor kurzem noch zusammengearbeitet hast, zu tun hat. Erkläre mir doch bitte noch einmal, was genau vorgefallen ist.
Also, Folgendes ist tatsächlich passiert: Wir, also Looptroop, hatten einen Vertrag über drei Alben mit Burning Heart, und ich als Solo-Künstler ebenfalls über drei Alben. Nun sind diese LP´s alle abgeliefert und der Vertrag somit beendet. Wir haben das Label also weder direkt verlassen, noch sind wir gefeuert worden. Wir wissen noch nicht, was mit dem nächsten Looptroop-Album passieren wird, ob wir wieder mit „Burning Heart“ kooperieren, es komplett alleine über „David vs.Goliath“ veröffentlichen, oder einen anderen Weg wählen. Was aber stimmt ist, dass bei „Burning Heart“ sämtliche Mitarbeiter entlassen wurden, bis auf den CEO. „Epitaph“, denen „Burning Heart“ schließlich gehört, hat hierbei nur auf die Verkaufszahlen geschaut und musste dementsprechend viele Entlassungen vornehmen. Ich meine, Du kennst die Situation, keiner kauft mehr Platten, also ist es unsere Aufgabe als „DVSG“ uns dieser neuen Herausforderung zu stellen. Das hört sich vielleicht zynisch an, aber wir machen mit unseren Platten und CD´s momentan weniger Geld, als mit unseren Klamotten. Die Fans, die nicht bereit sind für unsere Musik zu bezahlen, kaufen sich dennoch unser Merchandize, um Teil der Bewegung zu sein. Aber ich will mich nicht beklagen, es ist einfach eine neue Situation, auf die wir in Zukunft eingehen müssen, um auch weiterhin Musik machen zu können. (Lacht) Und ich habe nicht vor meinen Job zu ändern!
Im Internet findet man ja ziemlich viele Meinungen über Dich, hast Du je gehört, dass Du Europas erfolgreichster Rapper sein sollst?
(Lacht) Nein, darüber weiß ich nichts. Es kommt darauf an, inwiefern man Erfolg messen will. Wenn es dabei um Verkaufszahlen geht, bin ich mir ziemlich sicher, dass einige Franzosen deutlich mehr verkaufen, wenn auch nur im eigenen Land. Vielleicht bei den Konzerten? Wir können ja glücklicherweise in der ganzen Welt auftreten. Aber der Erfolgreichste…?
Und dann habe ich noch einen ziemlich billigen Eintrag bei Wikipedia gefunden, der sinngemäß aussagt, dass Du ein Anarchist und linker Aktivist bist, der rappt…
Also, wenn Du wissen willst, was bei mir an erster Stelle steht, dann auf jeden Fall die Musik! Musik zu machen bringt mir einfach so unendlich viel Spaß und Freude, sodass man mich eigentlich nicht über irgendeinen anderen Aspekt zuerst definieren sollte!
So Promoe, damit sind wir durch. Vielen lieben Dank, dass Du dir die Zeit genommen hast und alles Gute für den Rest Deiner Tour
Alles klar, ich danke Dir! Bis zum nächsten Mal in Köln!
Julian Brimmers
05.12.2006





