Interviews
Portugal. The Man
Interview - Gleis 22 – Münster – 22.10.06 – 20:30 Uhr
An einem für Oktober viel zu warmen Sonntagabend hatten Kollege Seb und ich das große Vergnügen Portugal. The Man zu einer Frage-Antwort-Session zu bitten. Obwohl die Band im Stau stand und somit alles zeitlich verschoben wurde haben wir Sie als äußert lustige und nette Menschen kennen gelernt. Nach dem Soundcheck gestand Gitarrist und Sänger John Baldwin Gourley für 20 extrem kurzweilige Minuten Rede und Antwort.
John, überall wo man mit guter alternativer Musik zutun hat, spricht man gerade über den außergewöhnlichen Sound von Portugal. The Man. Hattet Ihr diesen Sound seit Anfang an als Ziel vor Augen oder entwickelte er sich durch viele kleine Zufälle, Stück für Stück?
Die Anfangsidee hatte schon viel mit dem heutigen Sound zutun. Es hat sich aber am meisten durchs Ausprobieren entwickelt. Wir starteten anfangs nur mit Drumcomputern und diversen Programmierungen, doch der Bass war uns auch sehr wichtig. Nach und nach kam die Gitarre dazu, bei der uns sehr wichtig war, dass sie weniger Akkorde und mehr Linien spielt. Im Grunde hat es sich dann so entwickelt wie wir uns das vorgestellt haben und darüber sind wir extrem froh.
Ich habe gelesen, dass Ihr die letzten Jahre unter sehr armen Umständen gelebt habt und jeden Dollar für die Aufnahmen gespart habt. War diese Zeit bzw. die Einflüsse durch sie wichtig für die Band?
Zurückblickend bin ich mir sehr sicher, dass diese Zeit wichtig war. Was damals alles passierte ist sehr verrückt. Durch unsere alte Band standen wir noch unter Vertrag, konnten aber ohne das OK von unserem Label kein Album aufnehmen weil die Vertragsbedingungen so komisch waren. Zu der Zeit hatten wir kein Haus oder eine Wohnung und schliefen auf anderer Leute Fußböden. Wir nahmen uns vor, die Aufnahmen aus eigener Tasche zu finanzieren und sparten so an jeder Ecke. Dann kam letztendlich Fearless Records ins Spiel. Sie hörten sich ein paar von unseren Aufnahmen an und nahmen uns unter Vertrag. Durch diese Unterstützung hatten wir auf einmal die Mittel um ein richtiges Album zu produzieren. Diese ganze Zeit hat einem auf jeden Fall geholfen den kleineren Dingen mehr Respekt und Anerkennung zu schenken.
Hattet Ihr Zweifel in diesen harten Zeiten und dominierte der Wunsch danach seine Musik zu leben?
Ja, natürlich gibt es Zweifel - egal was du machst. Aber Musik ist etwas, was ich wirklich machen möchte und ich werde alles auf jeden Fall fortführen. Zweifel sind nützlich, weitermachen aber wichtiger!
Was denkt Ihr, wenn ihr seht, dass Leute Tausende Kilometern von Alaska entfernt Eure Musik kennen und mögen?
Das ist der Wahnsinn! Diese ganze Tour ist umwerfend. Vorher waren wir noch nie im Ausland - wir spielten höchstens mal in Kanada. Die Shows hier sind verdammt gut und hier läuft es viel besser für uns als zuhause. Es ist einfach Wahnsinn, die Möglichkeit bekommen zuhaben herüberzufliegen. Einfach mit den ganzen netten Menschen hier abzuhängen und unsere Musik vorzustellen… It´s fucking amazing!
Reagieren die Menschen in Amerika/Alaska anders auf Euch wie in Deutschland?
Ja! Drüben in den Staaten sind die Menschen sehr distanziert und musikalisch spielt sich eigentlich alles nur an der Ost- und Westküste ab. Besonders die Ostküste ist für Musik wie unsere sehr gut, halt für alles was progressiver ist. Die Mitte der USA ist da ganz anders. Dort ist es schlimm, richtig schlimm (lacht). Alaska ist wiederum anders. Eigentlich ist Alaska ein komplett anderes Land. Dort sind die Menschen sehr musikverbunden. Egal was du machst, sei es der dreckigste Punkrock, Hip Hop oder Indie Rock, dort werden immer Leute die Shows besuchen. Alle sind sehr aufgeschlossen und haben gerne Spaß. Es ist ähnlich wie hier! Wir jammen einfach, Nacht für Nacht und die Menschen haben Spaß daran. Das finde ich sehr cool.
Was für Musik hörst du eigentlich so in deiner Freizeit?
Ich höre viel ältere Musik. Wenn ich mal neuere Sachen höre dann z.B. die Band Celebration aus Baltimore, Maryland.
Hey, die kenn ich! Die waren doch letztens noch mit TV On The Radio auf Tour!
Ach wirklich?! Ja, diese Band ist fantastisch und TV On The Radio natürlich auch. Meistens höre ich aber Gruppen wie die Beatles, Neil Young, Bob Dylan und alles was in diese Richtung geht.
Ist Alaska eine große Inspiration für Deine Texte? In diesen werden nämlich häufig Seen und Berge erwähnt.
Das Stimmt. Die Landschaft ist ein Traum. Aber nicht nur die Natur inspiriert mich. Es ist ein sehr konservativer Staat. Der Süden von den USA ist schon schlimm, aber der Süden von Alaska mindestens genau so. Dort liegen die meisten Öl Ressourcen der USA und somit kommt eine Menge Geld in den Staat. Weiterhin sind die Menschen dort größtenteils alle bewaffnet.
Ich schreibe viel über die Mentalität der Menschen. Ich laufe mit offenen Augen durch die Gegend und verarbeite diese Eindrücke durch die Musik.
In den Texten gibt es außerdem oft Einrufe von verschiedenen Personen welche ein Statement abgeben. Muss man sich das quasi wie im Theater vorstellen, also dass unterschiedliche Charaktere miteinander agieren?
Korrekt! Es dreht sich in den Texten um eine Mischung aus Religion, Politik und anderen Sachen die mich bewegen. Diese Einrufe sollen Gedanken anderer Menschen darstellen.
Also erfindest Du diese Personen?
Genau. Sie sind quasi ein von mir erfundenes Sprachrohr die die verschiedensten Gruppen um die es in den Texten geht repräsentieren.
Deine Stimme ist sehr melodisch und Du setzt Sie sehr speziell ein. Damit setzt Du Dich extrem von Bands mit Shoutern ab. Gerade erwähntest Du ja auch die Beatles oder Bob Dylan. Sind sie Gesangsvorbilder oder wie kamst Du zu diesem Stil?
So ungefähr. Zum Beispiel Blues! Ich höre nicht viel Blues, mag aber diese Mentalität die dahinter steckt, diesen Flow, dieses „mach was du machen möchtest“. Und halt auch den Beatles und Dylan Kram. Es hat einfach das gewisse Etwas. Das ist der ultimative Weg für mich. Nimm einen Song und ziehe die Standartstruktur ab und schau wie sich alles entwickelt.
Ihr verwendet sehr oft Tiere in Texten oder Bildern. Was habt Ihr Euch dabei gedacht?
Die Absicht dahinter ist einfach die, dass man einen Bezug zu den Menschen aufbaut. Es ist mehr beschreibend gedacht. Zum Beispiel wenn ich einen Mann sehe, der wie ein Schaaf die Straße entlang geht habe ich sofort diese Assoziation vor Augen (lacht). Das eigentliche Tier ist nicht gemeint, eher die Art und Weise des Menschen. Das mache ich ziemlich oft. Einfach einen Text schreiben und nicht genau sagen was ich meine. Mit solchen Vergleichen fällt mir das Schreiben auch wesentlich leichter.
Und im Video zu Aka M80 The Wolf? Was hat es dort mit dem Bär auf sich?
Yeah, das Video ist besonders lustig. Wir wussten am Anfang überhaupt nicht was wir erwarten oder hinterher davon halten sollten. Es gibt so viele Bandvideos und dieses setzt sich einfach ein wenig von der Menge ab. Laut Drehbuch handelt es sich um einen Traum und die Geschichte mit dem Bären verleiht allem etwas Würze. Ich konnte mich super in die Rolle hineinversetzen denn alle anderen Bandmitglieder spielten abwechselnd den Bären (lacht). Ist ja auch logisch, dass z.B. in der Szene in welcher der Bär Schlagzeug spielt unser Drummer im Kostüm sitzt.
Eure Songs verändern sich oft vom Tempo her und oder wechseln die Stimmung. Wie geht Ihr ans Songwriting heran?
Die Art und Weise wie wir das Album aufgenommen haben ist quasi die gleiche wie sonst auch immer. Ich saß mit unserem Produzenten KC im Studio und spielte einfach nur Gitarre. Die anderen gaben ihre Ideen dazu und so entwickelten sich Stück für Stück die Songs. Ich schreibe gerne zuerst die Texte und passe dann den Song mit Stimmung und Struktur an die Thematik oder die Botschaft des Textes an. Ich wähle also ganz nach Emotion die Töne und das Tempo.
Gibt es ein Konzept nach welchem das Album geschrieben wurde?
Nein, es ist kein Konzeptalbum. Es sind einfach nur verarbeitete Wahrnehmungen die ich aus meiner Umwelt ziehe.
Nächste Woche wird euch Clickclickdecker in Köln supporten. Kennt/ mögt Ihr deutsche Bands?
Um ehrlich zu sein habe ich noch nicht so viele gehört. Auf Tour fällt es einem leider schwer sich in Ruhe mit neuer Musik auseinander zusetzten. Trotzdem halte ich die Augen ständig nach tollen Sachen auf und freue mich sehr hier auf so viel Neuland zu stoßen.
In fast jedem Artikel werdet Ihr mit The Mars Volta verglichen. Was haltet Ihr davon?
(lacht) Das finde ich witzig. Unser Schlagzeuger vergöttert diese Band und ich meine, wie kann man sie auch nicht mögen?!
Aber ich denke einfach, dass die Ähnlichkeit etwas mit unseren gemeinsamen Wurzeln zu tun hat. Wir hören viel Led Zeppelin und andere Bands die auch The Mars Volta stark inspiriert haben. Wir haben die gleiche Art mit Gedanken umzugehen aber letztendlich würde ich die Musik die sie spielen nicht selbst spielen wollen. Sie machen das schließlich schon und auch sehr gut.
Wenn ich The Mars Volta hören möchte lege ich eine Platte von ihnen auf und schreibe nicht einen Song der nach ihnen klingt (lacht).
In welchen anderen Ländern habt Ihr schon gespielt?
Im Zuge dieser Tour spielten wir in Schweden, Österreich und halt schon ein paar Gigs hier in Deutschland. Dieser Trip ist absolut genial! Ich tourte schon so viele Male durch die USA aber es war nie so wie hier. Auch für die Zukunft wollen wir touren, touren, touren - wo es geht, so oft es geht.
Okay, das war vielleicht auch schon die Antwort auf die letzte Frage. Welche Zukunftspläne hat die Band?
Aufnahmen! Platten! Ich habe letztes Jahr einen 23 Minuten langen Song aufgenommen und die anderen aus der Band werden diesen remixen. Ich habe die ganzen Beats programmiert und außerdem arbeiten wir an einem komplett neuen Album wenn wir wieder in den Staaten sind.
Diese Platte will ich auf jeden Fall veröffentlichen, komme was wolle! Wir versuchen es einfach, irgendwie! Ich denke, dass das der Punkt ist, an dem viele andere Bands scheitern weil jeder nur die Verkaufszahlen sieht und nicht mehr so fanatisch an die Musik als Ganzes. Viele sagen “ Ach ja, diese Platte läuft zwar gut, aber ich gebe ihr nicht länger als ein Jahr“…
Wir hingegen wollen einfach soviel schreiben wie wir können und unseren Weg weitergehen.
von Timo Meinen | 31.10.2006 | Kommentare (1) | Kommentar schreiben
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