Interviews

The Bronx

The BronxThe Bronx schmeißen Dich ohne Vorwarnung vor einen Güterzug. Das war beim letzten Album so und das ist beim brandaktuellen Longplayer nicht anders. Die Band klingt, wie man sich als US-Krimiserien konsumierender Pauschaltourist den berüchtigten New Yorker Stadtbezirk vorstellt. Sie kommt aber kurioserweise aus L.A., wo man für gewöhnlich David Hasselhoff beim Reanimieren unvorsichtiger Badegäste zuschauen kann. Und so ist es wohl die archaische Brandung des Pazifik, die durch lästiges Rauschen die Sprachverständlichkeit meines Telefoninterviews mit Joby, dem Bronx-Gitarristen, erheblich einschränkt. Für die vorliegende Niederschrift habe ich die verlustig gegangenen Buchstaben und Silben eigenverantwortlich ergänzt.

Joby: Hier ist Joby von The Bronx. Wie geht es Dir?

Danke, sehr gut. Dir auch hoffentlich. Ich bin Andee von Vainstream Music. Hast Du schon mal mit einem Übersetzungsprogramm gearbeitet?

Joby: Bitte was?

Ich wollte etwas faul sein und zwecks Recherche Eure Homepage mit so einer geheimnisvollen Software übersetzen und jetzt hör Dir das an….. (ich übersetze Joby wiederum, was das bescheuerte Programm aus den Informationen der empfehlenswerten Page von The Bronx gemacht hat. Spätestens, als von „geschickt haben Heuhaufen“ die Rede ist, haben wir die ersten Lacher im Dialog.)

Joby: Oh, Mann! So was kann man bei uns lesen?

Naja, sinngemäß. Doch erst mal Glückwunsch zum neuen Album. Wir waren ganz schön aufgeregt und jetzt ist alles viel besser als gut.

Joby: Du meinst, wegen Major und so? Das haben wir oft gehört in den letzten Tagen. Aber wir sind eine funktionierende Band, die sich nicht mal eben verbiegen lässt. Dafür sind wir lange genug am Start und das haben wir uns hart erarbeitet. Unsere Plattenfirma hat uns machen lassen, was wir wollen. Schließlich wollten sie uns ja auch so haben, wie wir sind. Die Scheibe klingt so, wie sie klingen muss. Also wie wir klingen. Sie zeigt die Richtung, in die wir uns entwickelt haben. Und die bedeutet zunächst, dass wir nichts von unserer Energie eingebüßt haben. Im Gegenteil! Trotzdem ist sie für uns ein Schritt nach vorn.

Das kann man wohl sagen. Ein Brett jagt das nächste. Joby, erzähl uns etwas von der Arbeit mit Michael Beinhorn als Produzenten. Spätestens seit Ozzmosis gehört er ja zu meinen Alltime-Faves.

Joby: Jaja. Michael. Ein gewaltiger Produzent. Absoluter Perfektionist. Allerdings macht das die Arbeit mit ihm sehr, sehr hart. Er verlangt Dir wirklich alles ab und gibt keine Ruhe, bis der Song genauso klingt, wie er ihn sich vorstellt. Dabei hat er aber immer das große ganze im Blick. Die Band, ihre Philosophie. Das Album. Für mich war es eine großartige Erfahrung, von der ich im Moment aber noch nicht sagen kann, ob ich sie noch mal machen muss. Glaub mir, Michael ist schon wahnsinnig.

Apropos. Ich habe munkeln gehört, dass Ihr einen Mystiker beauftragt habt, ein geeignetes Gebäude für die Aufnahmen zu finden. Letztlich seid ihr auf, ähm…

Joby: … auf diese ehemalige Methadonklinik in Malibu gestoßen. Eine coole Location. Es gibt hier jede Menge seltsamer Orte, wo man sich zurückziehen kann, um ein Album zu produzieren. Wir bevorzugen Orte mit Spirit. Wenn sie dazu noch in Strandnähe liegen, umso besser. Wir haben übrigens nicht die ganze Klinik genutzt. Du musst Dir einen riesigen Komplex aus leerstehenden Gebäuden vorstellen, wo man früher mal auf Entzug gehen konnte. Wir haben nur ein, zwei Räume gebraucht.

Sehr schön. Wart Ihr wieder so schnell? Das letzte Album habt Ihr in 3 Tagen eingespielt.

Joby: Wir waren auch diesmal schnell. Nicht so wie beim Vorgänger. Wegen Michael. Aber wir sind ja faktisch immer auf Tour. Wir sind nicht filigran, aber eingespielt. Die Songs entstehen gemeinsam. Wir spielen sie oft. Erproben sie live und proben wirklich hart. Da ist es logisch, dass wir die Stücke schnell im Kasten haben. Zumal sie ja auch nicht wirklich lang sind.

In der Tat. Eine schöne Konstante neben kurzen, knackigen Auf-die-Fresse-Songs ist bei Euch auch die innovative Namensgebung. Die neue Scheibe heißt – wie schon ihr Vorgänger – schlicht The Bronx. Warum?

Joby: Na, weil sie von uns ist!

Ich weiß was! Ich weiß was!

Joby: Was?

Ich weiß, wie Euer nächstes Album heißen wird.

Joby: Wie denn?

The Bronx!

Joby: Das steht noch nicht fest. Jetzt haben wir ja erst mal The Bronx vorliegen…

The BronxHm. Hier Deutschland sind im Vorfeld Eurer Tour die wildesten Gerüchte im Umlauf. Man sagt, Matt habe sich auf einem der letzten Gigs bei Euch in die Hose geschissen. Was droht uns? Ist das Teil Eurer neuer Bühnenshow?

Joby: Oh Gott! Nein! Was ist denn da zu Euch durchgesickert? Das war überhaupt keine lustige Geschichte. Matt hätte krepieren können. Irgendwo hat er sich einen völlig aggressiven Virus eingefangen und auf Tour nur noch gekotzt und Durchfall gehabt. Er musste sich schließlich in Behandlung begeben und der Arzt hat ihm versichert, das man an dem Kram, was er hatte, sterben kann. Insofern hatte er mehr als Glück. Aber Matt wollte keinen Gig ausfallen lassen und so ist ihm beim Singen was in die Buchse geflattert. Stell das bloß richtig! Wir sind doch nicht die Bloodhound Gang.

Joby, das verspreche ich Dir. Es ist meine journalistische Pflicht, Legendenbildung entgegen zu wirken. Ein anderes Thema. Bei uns in Deutschland war kürzlich erst die Fußball WM. Habt Ihr davon etwas mitgekriegt? Interessiert das überhaupt in den Staaten?

Joby: Soccer? Oh ja, Mann! Ich für meinen Teil bin ein großer Fan und habe eine Menge mitbekommen. Ich liebe diesen Sport. Da gibt es klare Regeln. Der Ball muss ins Tor. Die Pausen halten sich im Rahmen und alles ist so schön schnell. Überhaupt hat Soccer gerade unter den Kids viele neue Fans in den USA gewonnen. Allerdings sehe ich nicht, dass er irgendwann Baseball, Football oder Basketball von Thron stoßen wird.

Eurer Nationalteam war ja bei uns in Hamburg einquartiert. Was mir dort extrem aufgefallen ist, war der hohe Grad an Abschottung, Security und fast schon Isolation. Nun zählt Euer Team bei aller Liebe nicht zu den wertvollsten Mannschaften. Zahlt Ihr als Amerikaner nicht einen verdammt hohen Preis für die jüngere Politik Eures Landes?

Joby: Ab einem gewissen Grad schon. Ob reell oder forciert. Das traurige ist, dass dieses Leben vor dem Hintergrund latenter Bedrohung zu etwas Normalen zu werden scheint. Persönlich spüren wir das allerdings nicht so sehr. So wichtig sind wir nicht. Wir sind ja auch ständig unterwegs und eher Weltbürger. Außerdem lieben wir Deutschland und freuen uns, wenn wir bei Euch sein dürfen. Euer Bier, die Städte. Sehr schön.

Na wir freuen uns doch auch auf Euch! Euer Video zu History’s Stranglers ist lustig. Vor allem beeindruckt geübte Cineasten der original Hobbit - Effekt. Nur ohne Haare an den Füßen. Erzähl uns ein wenig von den Dreharbeiten.

Joby: Ja, das war schon ein Spaß. Wir haben ja in einem Freizeitpark gedreht. Ein riesiger Kindergeburtstag. Das Video hat ein Freund von mir mit ganz einfachen Mitteln, Handycam und so, sauschnell an einem Tag fabriziert. Dafür ist es ganz gut geworden und passt zum Song.

Auf alle Fälle. Joby, die meisten Deutschen verbinden mit L.A. Sonne, Silicontitten, Surfer, die Peppers und so weiter. Jetzt kommt Ihr. Laut, dreckig, wütend. Ist das eure Vision, Eure Sicht von L.A.? Baywatch und Shitty Future?

Joby: Nicht ganz. Natürlich hat auch L.A. – wie jede andere Großstadt – seine düsteren, unschönen Seiten. Aber im Grunde genommen kommen wir nur von hier und sind keine Botschafter unserer Stadt. Vielmehr stehen wir für eine kritische Sicht der Dinge, für Wut und so, wie Du Sie überall auf der Welt finden kannst. Nimm Shitty Future. Die Aussage des Songs kannst Du eins zu eins bei Euch in Deutschland oder in Russland, in Japan, wo auch immer nachvollziehen. Du kommst unversaut auf die Welt, hast von Deinen natürlichen Anlagen so ziemlich alles drauf und was passiert? Du wirst manipuliert, erzogen, umerzogen usw. Man macht Dich zum Bankangestellten. Du weißt genau, wann Du mal in Rente gehst, wann statistisch gesehen Dein erster Herzinfarkt eintreten wird usw. Das ist eine ganz schön beschissene Zukunft.

In der Tat. Was steht außer exzessiven Touren noch an in diesem Jahr noch an?

Joby: Ach, wir lassen uns überraschen. Aber wir sind natürlich überwiegend unterwegs. Schließlich sind The Bronx in erster Linie eine Liveband. Das wird sich nie ändern. Aber zwischendrin haben wir immer mal wieder Platz für die eine oder andere coole Aktion. So haben wir erst vor ein paar Tagen eine Radioshow ausschließlich mit Mariachi – Instrumenten gespielt. Quasi The Bronx unplugged.

Das klingt sicher interessant. Joby, vielen Dank für das Interview. Alles Gute für die Zukunft und viel Spaß in Deutschland. Wir treffen uns in Hamburg auf ein Bier und dann erzähle ich Dir die Geschichte von dem deutschen Schreiber, der vor drei Jahren dachte, ihr wärt ‘ne HipHop - Band und erst fünf Minuten vor dem Interview zum ersten Mal Euer Zeug gehört hat. Und Ihr habt nichts gemerkt…

Joby: Na da bin ich aber gespannt…

Website: www.thebronxxx.com

von Andreas Puchebuhr | 28.08.2006 | Kommentare (0) | Kommentar schreiben

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